Lisa Tralci

Frauen in aller Welt: verkauft, vergewaltigt und verstümmelt PDF Drucken
Geschrieben von: Lisa Tralci in der Appenzeller Zeitung   
Dienstag, 25. November 2003 um 00:10 Uhr

Frauen sind den unterschiedlichsten Formen von Gewalt ausgesetzt. Dazu gehören Frauenhandel, Zwangsheirat oder Genitalverstümmelungen. Ein Blick auf düstere Themen, die an unseren Landesgrenzen nicht Halt machen.


Als «willige Polin» wird die 23-jährige Dana auf einschlägigen Zeitungsseiten angeboten. Die Freier, die die Dienste der «eben eingetroffenen» Frau in Anspruch nehmen, kümmert kaum, woher die Frau kommt und noch weniger, weshalb sie ihren Körper verkauft. Durch eine Agentur ist Dana in die Schweiz gekommen, nachdem sie in Polen vergeblich Arbeit gesucht hatte, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen und ihre Eltern zu unterstützen. Dass sich der angebotene Job in einer Bar als Zwang zur Prostitution entpuppen würde, ahnte Dana nicht. Hier angekommen wurde ihr der Pass abgenommen und ein schäbiges Zimmer zugewiesen. Der Mann, der sie beim Bahnhof abgeholt hatte, machte ihr unmissverständlich klar, dass Widerstand zwecklos sei – der Gang zur Polizei habe ihre sofortige Ausweisung zur Folge und zudem habe sie Schulden bei der Vermittlungsagentur. Dana bleibt, wie viele andere auch, ihre Situation lässt ihr kaum eine andere Wahl.

Die Ware Frau
Das Bundesamt für Polizei schätzt, dass in der Schweiz bis zu 3000 Personen von Menschenhandel betroffen sein könnten, der grösste Teil davon sind Frauen. Zur Anzeige gelangt nur ein Bruchteil davon, im Jahre 2000 waren es 33 Fälle. Frauen werden als billige Arbeitskräfte (Hausangestellte, Küchenhilfen, Bardame), als Katalogbräute oder Prostituierte gehandelt. Die Frauen kommen aus der ganzen Welt, sie suchen Möglichkeiten, sich und ihre Angehörigen über Wasser zu halten und geraten oft in die Fänge von Menschenhändlern und Schlepperorganisationen. Sie finden sich wieder im Rotlichtmi-lieu, oft ohne Aufenthaltsbewilligung, als unsichtbare und damit rechtlose Putzfrau oder als von einem Schweizer Mann ausgewählte Ehefrau. Die zivilstandsabhängige Aufenthaltsbewilligung solcher Frauen führt in vielen Fällen dazu, dass sie über Jahre in schwierigen Beziehungen ausharren müssen, um nicht in ihr Herkunftsland abgeschoben zu werden. Oder sie tauchen ab in ein illegales Dasein, was oft gleichbedeutend ist mit Prostitution oder schlechtest bezahlten Jobs ohne rechtlichen Schutz.

Ohne Selbstbestimmungsrecht

Frauen sind nicht nur Handelsware. Auf verschiedene Art und Weise wird ihnen das Selbstbestimmungsrecht über ihren Körper genommen, etwa durch die in vielen Ländern unvermindert praktizierten Rituale der Verstümmelung weiblicher Genitalien. Eine Untersuchung im Frühjahr 2001 der UNICEF Schweiz in Zusammenarbeit mit der Schweizerischen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe hat ergeben, dass in jeder fünften gynäkologischen Praxis beschnittene Frauen behandelt wurden. 95 Gynäkologen/innen gaben an, schon gebeten worden zu sein, eine sogenannte Reinfibulation vorzunehmen, das heisst, die Vagina einer Frau nach einer Geburt wieder bis auf eine kleine Öffnung zuzunähen. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt, dass weltweit zwischen 100 und 140 Millionen Frauen beschnitten sind. Diese menschenrechtsverletzenden Praktiken führen zu unbeschreiblichem Leid, in vielen Fällen zum Tod und berauben die Frauen um eine erfüllte Sexualität. Inter-nationale Aufklärungsarbeit, Sensibilisierung und der politische Dialog mit den Regierungen von Ländern in denen dieser Brauch durchgeführt wird, müssen die physische und psychische Integrität aller Frauen zum Ziel haben. In ihrem Bericht «Gewalt gegen Frauen» schreibt die Ausserrhodische Oberrichterin und Vizepräsidentin der Internationalen Frauenallianz IAW-AIF, Jessika Kehl-Lauff: «Der Frauenhandel, die sogenannten «Morde um der Ehre willen», die genitalen Verstümmelungen und die Anwendung von Gewalt im häuslichen Bereich werden erstmals im Jahr 2000 (!) als Menschenrechtsverletzungen verurteilt».

Aus dem Krieg in Ex-Jugoslawien wurden systematische Vergewaltigungen von Frauen bekannt, eine Waffe der Schergen, um Widerstand zu brechen. Diese Form der Gewalt erleiden Frauen in aller Welt, sehr oft im sozialen Nahraum der Familie; immer wieder sind es Mädchen, die mit lebenslänglichen Folgen sexuell ausgebeutet werden. Und wer Augen und Ohren offenhält, weiss, dass viele Männer noch immer der Ansicht sind, mit der Heirat auch das «Recht zur Benutzung des weiblichen Körpers» erworben zu haben. Das gibt zu denken, genauso wie die auch heute noch praktizierten Zwangsehen, Ehrenmorde, Zwangssterilisationen und die Tatsache, dass 99% des Weltvermögens und 90% des Welteinkommens in Männerhänden liegen, aber über 60% der Weltarbeitszeit von Frauen geleistet wird.

Schritte dagegen
Seit anfang Jahr arbeitet die «Koordinationsstelle gegen Menschenhandel und Menschenschmuggel» mit dem Ziel, nationale Stellen zu vernetzen, Strategien gegen den Menschenhandel zu entwickeln und entsprechende Gesetzesänderungen anzuregen. Der Entwurf zum neuen Ausländergesetz will Personen, die bei ihrer Arbeit von Ausbeutung bedroht sind, besser schützen und sieht zudem vor, dass das Aufenthaltsrecht für die oder den ausländischen Ehepartner/in in Härtefällen auch dann verlängert werden kann, wenn wichtige Gründe für einen getrennten Wohnsitz vorliegen oder wenn die Ehe aufgelöst wird, etwa im Falle von häuslicher Gewalt oder sexueller Ausbeutung. Das Eidgenössische Departement des Innern hat eine Fachstelle zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen geschaffen, dies in der Folge der finanziellen Auswirkungen von Gewalt, welche für Gesundheitswesen, Polizei, Justiz und Wirtschaft mit über 400 Mio. Fr. pro Jahr beziffert werden. Der Sensibilisierung und Weiterbildung wird eine zentrale Bedeutung zugeschrieben. Die zu-nehmende Hellhörigkeit dem Thema gegenüber und die wachsende Zahl von Massnahmen der öffentlichen Hand sind massgeblich auf die Aktivitäten der Frauenbewegung und der Frauenorganisationen zurückzuführen.

Das Eidgenössische Departement für Auswärtige Angelegenheiten (EDA) schenkt der Gewalt gegen Frauen in der Welt besondere Beachtung. Unterstützt wird auch die Arbeit der UNO-Spezialberichterstatterin über Gewalt gegen Frauen, das EDA interveniert bilateral und engagiert sich für die Achtung und Verstärkung des internationalen humanitären Rechts und in mehreren bilateralen Projekten zur Bekämpfung der Gewalt gegen Frauen.

Quelle (u.a.): Erster und zweiter Bericht der Schweiz über die Umsetzung des Übereinkommens zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau (CEDAW)

 


Adressen und Links


Soforthilfe für vergewaltigte Frauen und Jugendliche
Kantonsspital St. Gallen, Tel. 079 698 95 02

Schlupfhaus; Grossackerstr. 15a (für gewaltbetroffene
Kinder und Jugendliche bis 18)
St. Gallen, Tel. 071 243 78 30
www.sg.ch/gesundheit/gesundheitsversorgung/spitaeler_und_kliniken/kinderschutzzentrum.html

FIZ Fraueninformationszentrum für Frauen aus Afrika,
Asien, Lateinamerika und Osteuropa
Badenerstr. 134
8004 Zürich
Tel. 01 240 44 22
Fax 01 240 44 23
www.fiz-info.ch (in verschiedenen Sprachen)

www.terre-des-femmes.ch (Vereinsgründung Schweiz am 25. November 03)

www.feminism.ch (Schweizer Verband für Frauenrechte)

www.equality.ch (umfangsreichste Linksammlung zur Gleichstellungsthematik)

 







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